R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”

13 April 2011 -
25 June 2011

opening reception on Wednesday,
13 April, 7-9 pm

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DE

R.H. Quaytman
“Cherchez Holopherne, Chapter 21”

 

13. April - 25. Juni 2011
Eröffnung am Mittwoch, dem 13. April, 18-21 Uhr

 

Als wäre sie eine Fortsetzung des Antiquariats, an das sich die Galerie Daniel Buchholz anschließt, konzipierte R.H. Quaytman ihre Ausstellung entsprechend einer Phänomenologie der Seite, der Illustration, des Satzes und der Grammatik.

 

In jener hyper-belesenen Welt, die uns mit R.H. Quaytman verbindet, vergessen wir allzu leicht, in welcher Weise Literatur von außen wahrgenommen wird. Von außen betrachtet nämlich entspricht dieser Code einem vollkommenen Register einer unsichtbaren, sich entfaltenden Komplexität. Selbst im Rahmen des Analphabetismus unserer Kindheit wird der Code als Träger von Inhalten begriffen. Der Inhalt jedoch ist nicht von dem ihn umfassenden unendlichen Raum zu unterscheiden, von dem wir durch eine Mauer aus Codes abgeschnitten sind. Es ist nicht zu erwarten, dass wir den Inhalt in seiner ganzen Vollkommenheit erkennen können, und doch empfinden wir eine Gewissheit, dass der leere Grund, der ihn umfasst, zumindest real ist. Die Erinnerung an eine solche Bestimmtheit von Text ist jeder später betrachteten Anordnung beziehungsweise Aneinanderreihung von Symbolen eingeschrieben - jenen unsichtbaren Räumen, die sich stets hinter der makellosen Zweidimensionalität des Papiers auftun.

 

Während meiner Zeit als Bibliothekar erhielt ich einmal eine Anfrage nach einem bestimmten Kinderbuch mit „Magic Eye“-Illustrationen aus dem 18. Jahrhundert, bei denen sich durch eine vorsichtige Drehung des Kopfes ein leicht erkennbares Bild vor den Augen des Betrachters plötzlich in ein zuvor unsichtbares, exakt wiedergegebenes Bild verwandeln soll. Die Orne Library der Miskatonic University von Massachusetts besaß ein Exemplar dieses seltenen Buchs. Die Bibliothekarin der Special Collections, die ich darauf ansprach, kannte das Buch gut. „Nur allzu gut“, wie sie sagte. Sie erzählte mir von einer Farbradierung, die arglose Kinder beim Spiel zeigte. Sie brauchte zunächst einige Zeit, drehte ihren Kopf in die entgegengesetzte Richtung und erhaschte einen Blick auf das verborgene Bild. Sie erzählte mir nicht, was sie darauf sah. Vielmehr sprach sie nur ganz allgemein von den widerlichsten, abscheulichsten und übelsten
Bildern. Einmal fertigte sie eine Kopie für einen Professor an, bemerkte anschließend jedoch, dass das verborgene Bild auf der kopierten Seite nicht mehr zu erkennen war, solange sie auch danach suchte. „Das Beängstigende dabei war“, sagte sie, „dass das erste Bild dieser im Kreis tanzenden rosa genoppten Putten mit ihren rosigen Lippen mir nun seinerseits wie eine Darstellung des reinsten Bösen erschien.” Ich selbst kann hierzu nichts sagen, da das Buch nicht für die Fernleihe zur Verfügung stand. Ich erinnere mich, dass ich nie daran geglaubt habe, dass jene versteckten Bilder, die wir als Kinder in solchen Abbildungen erkennen konnten, genau denjenigen Bilder entsprachen, die wir in ihnen sehen sollten.

 

In R.H. Quaytmans präzisen Bildern kommt zum Ausdruck, was im Sinne seiner selbst als Code chiffriert wird. Das leere zweidimensionale Feld stellt die archivierte Vergangenheit dar, welche ursprünglich die verborgenen Bilder erzeugte. Bei den Räumen hinter den Räumen handelt es sich beharrlicherweise um Korridore, die jeweils zur Ästhetisierung der potenziellen Enthüllung eines dahinter befindlichen Raums dienen. Die Chiffrierung des Codes findet lediglich zur Chiffrierung eines tieferen Codes statt und so fort. Der Inhaltsgrund dringt dabei von hinten bis in den Bereich vor dem Bild empor, bis zu jenem Ort also, der nun von uns besetzt wird. Wenn eine solche literarische Unendlichkeit in so vollkommener Weise sichtbar gemacht wird, setzt beim Betrachter aufgrund der Tiefe eine Art Schwindel ein, eine verwirrende Umkehrung aller verfügbaren Dimensionen. Man sollte in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass Quaytman sich in vorangegangenen „Kapiteln“ bereits ausdrücklich der Op Art und des trompe-l’oeil bediente.

 

Ich kann an dieser Stelle nichts über die archivierten Geheimnisse der jeweiligen Bilder in der vorliegenden Ausstellung sagen. Was ich allerdings sagen kann, ist, dass die hier dargestellten „stellvertretenden“ Frauen nicht zwangsläufig real sind. Judith beispielsweise, jene braunäugige Domina, die den Feldherrn Holofernes verführte, um ihn anschließend zu enthaupten, begann ihre Laufbahn als eine griechische Erfindung, die im Dienste mittelalterlicher christlicher Interessen in die hebräische Tradition eingeschrieben wurde. Diese seither zu beobachtende zerstörerische, brachiale Absonderheit innerhalb der Dichtung und bildenden Kunst ist bis heute kein Teil des Tanach, der Heiligen Schrift des Judentums. Zudem handelt es sich bei Julia Scher, die vor diesem Hintergrund vor nicht einmal einem halben Jahr mit Peitsche und Schleier für Quaytmans Polaroidaufnahme posierte, um eine bekannte „Überwachungs“- und Performance-Künstlerin.

 

Ich möchte zum Schluss, um weitere Enthüllungen zu vermeiden, mitteilen, dass ich persönlich etwa 25 Prozent meiner variablen DNA mit dieser Künstlerin teile. R.H. Quaytman hat mir mindestens zweimal buchstäblich das Leben gerettet.

 

Mark von Schlegell

R.H. Quaytman
“Cherchez Holopherne, Chapter 21”

 

13 April - 25 June 2011
opening reception on Wednesday, 13 April, 6-9 pm

 

Arranged as if in appendix to the antiquarian bookstore to which this gallery is attached, R.H. Quaytman lays this exhibition out according to phenomenologies of the page, the illustration, the sentence and the grammar.

 

In the hyper-literate world we share with R.H. Quaytman we forget how literature is experienced from outside. From outside the code is a perfect index of an invisible unfolding complexity. Even in the illiteracy of our childhood the code is understood to contain content. But content is indistinguishable from the infinite space that contains it, a space we are cut off from by the wall of code. We cannot hope to know content in it’s perfection, but we feel a certainty that the blank ground that holds it, at least, is real. The memory of this perspicuity of text is inscribed into every ordering or stringing together of symbols we behold after — the invisible rooms ever opening behind the perfect flatness of the page.

 

When I was a librarian I once had a request for a particular 18th century children’s book of “magic eye” illustrations, where, with the careful turn of the head, you’re meant to find one easy-to-see image transformed into another previously invisible precisely-rendered image. There was a copy of the rare book at the Orne Library at Massachusetts’ Miskatonic University. The Special Collections librarian I talked to knew the book well. “Too well,” she said. She told me of one colored etching of innocent children in play. It took her a long time; she turned her head in just the wrong way and glimpsed the secret picture. She would not say what she saw there. She spoke only in general of the foulest, most despicable and debased imagery. She made a copy for a professor, but found that the copied page no longer showed the secret image. She searched again and again. “The frightening thing,” she said, “was that the first image, of the rosy-lipped pink-nubbed cherubs dancing in a ring, now itself appeared to me a depiction of the purest evil.” I can’t say myself, as the book wasn’t available for inter-library loan. I remember never trusting that the hidden images we managed to see in these sorts of illustrations when we were children were the correct images we were meant to see.

 

R.H. Quaytman’s precise panels articulate what is ciphered as itself a code. The empty 2 dimensional field presents the archived past that engendered the revealed imagery to begin with. The rooms behind rooms are insistently galleries, each estheticizing a potential revelation of a room behind. Code is ciphered only to cipher a deeper code, and so on. Content’s ground emerges from behind to before the painting, the very place we now occupy. There’s a vertigo of depth when such a literary infinite is rendered so perfectly visual, a disorienting reversal of all available dimensions. It should be remembered in this regard, that in past chapters, Quaytman explicitly practices op-art and trompe-l’oueil.

 

I can’t inform you here of the archival secrets of every image in this exhibition. I will however inform you that the representative women pictured are not necessarily real. Judith, for instance, that brown-eyed domina who seduced the chief Holofernes only to behead him, began her career as a Greek fiction inscribed into the Hebraic tradition at the service of medieval Christian interests. A disruptive and violent anomaly in poetry and art ever since, she is to this day excluded from the Jewish scriptures. Also Julia Scher, who posed to Quaytman’s polaroid on these very premises with whip and veil not six months ago, is a wellknown “surveillance artist” and performer.

 

Let me end by informing you, in the interest of no further disclosure, that I myself hold approximately 25 percent of my variable DNA in common with the artist. R.H. Quaytman has literally saved my life at least twice.

 

Mark von Schlegell

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”
installation view Galerie Buchholz, Köln 2011

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”
(Julia Scher), 2011
silkscreen ink, gesso on wood
82.2 x 50.8 cm

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”, 2011
silkscreen ink, gesso on wood
133 x 82.2 cm

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”, 2011
oil, silkscreen ink, gesso on wood
50.8 x 50.8 cm

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”
installation view Galerie Buchholz, Köln 2011

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21
(Krebber’s whip and Buchholz’s purse)”, 2011
oil, silkscreen ink, gesso on wood
101.6 x 63 cm

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”, 2011
oil, silkscreen ink, gesso on wood
82.2 x 50.8 cm

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”, 2011
oil on wood
31.4 x 50.8 cm

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”
installation view Galerie Buchholz, Köln 2011

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”, 2011
silkscreen ink, gesso on wood
82.2 x 82.2 cm

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”, 2011
oil, silkscreen ink, gesso on wood
82.2 x 82.2 cm

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”
installation view Galerie Buchholz, Köln 2011

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”, 2011
oil, silkscreen ink, gesso on wood
82.2 x 50.8 cm

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”, 2011
2 parts, oil, silkscreen ink, gesso on wood
82.2 x 50.8 cm
and silkscreen ink, gesso on wood
50.8 x 50.8 cm

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”
installation view Galerie Buchholz, Köln 2011

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”, 2011
oil, silkscreen ink, gesso on wood
133 x 82.2 cm
installation view Galerie Buchholz, Köln 2011

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”, 2011
oil, silkscreen ink, gesso on wood
133 x 82.2 cm

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”
installation view Galerie Buchholz, Köln 2011

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”
installation view Galerie Buchholz, Köln 2011

R.H. Quaytman

Cherchez Holopherne, Chapter 21”, 2011
oil on wood
50.8 x 31.4 cm

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”, 2011
diamond dust, oil, silkscreen ink, gesso on wood
50,8 x 82.2 cm

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”, 2011
silkscreen ink, gesso on wood
101.6 x 63 cm

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”
installation view Galerie Buchholz, Köln 2011

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”, 2011
oil on wood
50.8 x 50.8 cm

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”, 2011
oil, silkscreen ink, gesso on wood
50.8 x 50.8 cm

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”, 2011
oil, silkscreen ink, gesso on wood
82.2 x 50.8 cm

R.H. Quaytman

“Cherchez Holopherne, Chapter 21”
installation view Antiquariat Buchholz, Köln 2011